KNX-Grundlagen
KNX entstand 1999 aus dem Zusammenschluss dreier Vorgänger-Standards (EIB - European Installation Bus, EHS - European Home Systems, BatiBUS) zur einheitlichen KNX Association mit Sitz in Brüssel. Heute weltweit führender Standard für Gebäudeautomation. Über 500 zertifizierte Hersteller, jährlich neue Komponenten, kontinuierliche Standard-Weiterentwicklung.
Was kann KNX?
- Beleuchtung: Schalten, Dimmen, RGB/RGBW, DALI-Vorschaltgeräte.
- Heizung: Einzelraum-Regelung, Heizkreis-Verteilung, FBH-Stellantriebe.
- Beschattung: Rollladen, Jalousien, Markisen mit Wetterstation-Steuerung.
- Wetterstation: Wind, Regen, Sonne, Helligkeit als Input.
- Audio Multiroom: KNX-Medienserver mit Streaming-Anbindung.
- Sicherheit: Alarm-Anbindung, Bewegungsmelder doppelt genutzt.
- Energie-Management: PV-, WP-, Wallbox-Steuerung.
- Türsprechanlage: KNX-IP-Kameras, Klingeln auf Display.
Bus-Topologie KNX
KNX kennt drei Bus-Übertragungswege:
KNX TP (Twisted Pair)
Standard im Neubau. Zwei-paariges, geschirmtes Kabel J-Y(St)Y 2 x 2 x 0,8 mm² (KNX-zertifiziert). Bus-Spannung 30 V DC, Bus-Strom kommt von Spannungsversorgung im Verteiler. Bis zu 64 Geräte pro Linie, max. 1.000 m Linie, max. 350 m zwischen 2 Geräten. Linien können über Linien-Koppler verbunden werden zu einem Bereich (15 Linien), Bereiche zum System (15 Bereiche).
KNX IP
Über Ethernet/LAN. Ergänzt TP-Bus oder ersetzt diesen für die Linie zum Server. Im Neubau primär für Verbindung zur Visualisierung, Anbindung an externe Systeme (PV-Wechselrichter, Smart-Meter-Gateway). Schneller (10/100 MBit/s vs. 9,6 kBit/s TP), aber weniger robust gegen Stromausfall.
KNX RF (Funk)
868 MHz Funk-Variante. Sinnvoll für nachträgliche Erweiterung im Bestand oder für mobile Anwendungen. Im Neubau selten - Bus läuft günstiger und stabiler.
Topologie-Plan im 140 m² EFH
- 1 Linie für Standard-EFH (bis 64 Geräte).
- Verteilerschrank im HWR als Linien-Zentrale mit Spannungsversorgung 640 mA.
- Bus-Topologie: Linie/Stern - vom Verteiler durch alle Räume.
- KNX/IP-Router für Visualisierungs-Anbindung.
KNX-Komponenten
Eine KNX-Anlage besteht aus Aktoren, Sensoren und Systemkomponenten.
Aktoren (Verteiler-seitig)
- Schaltaktoren 4-/8-/16-fach: für Beleuchtung, Steckdosen-Schaltung.
- Dimmaktoren: Universal-Dimmer für LED, Glühlampe, Halogen.
- Jalousie-Aktoren 4-/8-fach: für Rollladen, Jalousien, Markisen.
- Heizungsaktoren 6-/12-fach: für FBH-Stellantriebe.
- DALI-Gateways: für DALI-Beleuchtungssteuerung mit RGB/RGBW.
- Logikbausteine: für komplexe Verknüpfungen.
Sensoren (Wand-seitig)
- Bus-Taster: 1-/2-/4-/8-fach mit programmierbaren Funktionen.
- Bewegungsmelder: Decken- oder Wand-Montage, Helligkeits-Sensor integriert.
- Präsenzmelder: Hochempfindlich für Anwesenheit, ohne Bewegung.
- Raumtemperatursensoren: für Einzelraum-Regelung.
- Wetterstation: Aussen mit Wind, Regen, Sonne, Helligkeit.
- Glasbruch-Sensoren, Wassermelder, Rauchmelder: für Sicherheit.
Systemkomponenten
- KNX-Spannungsversorgung 640 mA: 1 Stück pro Linie.
- Linien-Koppler: bei mehrlinigem System.
- KNX/IP-Router: für IP-Backbone und Visualisierung.
- USB-Programmierschnittstelle: für ETS-Programmierung.
- KNX-Tableau: Wand-Display mit Visualisierung.
ETS-Programmierung
Die ETS (Engineering Tool Software) ist die zentrale Programmier-Software für KNX. Vom KNX-Systemintegrator bedient.
ETS-Versionen 2026
- ETS 6 Lite: bis 20 Geräte, ca. 200 Euro Lizenz.
- ETS 6 Home: bis 64 Geräte, ca. 200 Euro.
- ETS 6 Professional: unlimitiert, ca. 1.250 Euro Lizenz.
- ETS Inside: Cloud-basierte Variante für End-User-Programmierung.
Programmierschritte
- Topologie-Plan mit Linien, Bereichen.
- Geräte importieren aus Hersteller-Produktdatenbank.
- Gruppenadressen für Funktionen (z.B. Wohnzimmer/Licht/Schalten).
- Verknüpfungen Sensor zu Aktor.
- Parameter pro Gerät (Dimm-Verhalten, Schwellwerte).
- Inbetriebnahme: Programmierung in Geräte laden.
- Test: alle Funktionen prüfen, Logikketten verifizieren.
Lohnstunden ETS-Programmierung
25-60 Stunden im 140 m² EFH, à 75-110 Euro pro Stunde, summiert 2.000-6.500 Euro netto.
Visualisierung
Visualisierung ist die Bedienoberfläche fürs Smart Home. Hersteller-übergreifend gibt es mehrere Optionen:
Hersteller-Lösungen
- Gira HomeServer: Premium-Lösung mit Web- und App-Visualisierung. 1.500-4.000 Euro.
- MDT VisuPro: günstigere Alternative, intuitiv konfigurierbar. 800-2.000 Euro.
- JUNG Smart Visu Server: mit JUNG-Komponenten kompatibel. 1.200-3.000 Euro.
- ETS Inside: für End-User mit Tablet, Cloud-basiert.
Open-Source-Alternativen
- Home Assistant: mit knx-python plugin, sehr flexibel. Server: Raspberry Pi 5 ab 100 Euro.
- openHAB: Java-basiert, mit KNX-Binding.
- ioBroker: Node.js-basiert, mit KNX-Adapter.
Wand-Tableau
- Gira G1: 5,8 Zoll Display mit KNX-Anbindung. 800-1.200 Euro.
- MDT Visu-Display: 7-10 Zoll, modernes Design. 600-900 Euro.
- iPad Wand-Halterung: Standard-iPad als Display, App lädt Visu. 500-900 Euro plus iPad.
KNX Secure
KNX Secure verschlüsselt Bus-Telegramme und schützt vor Manipulation. Pflicht für sicherheitsrelevante Funktionen (Schliessanlage, Alarm).
Was KNX Secure umfasst
- KNX Data Secure: verschlüsselte Telegramme zwischen Geräten.
- KNX IP Secure: verschlüsselte IP-Kommunikation.
- FDSK (Factory Default Setup Key): Schlüssel pro Gerät, beim Onboarding gesetzt.
Mehrkosten KNX Secure
5-15 Prozent Mehrkosten gegenüber Standard-KNX. Empfohlen für Voll-Smart-Home-Setups mit Sicherheits-Funktionen, optional bei reinen Beleuchtungs-/Heizungs-Setups.
KNX und Cloud-Integration
2026 wird KNX zunehmend mit Cloud-Diensten integriert.
- Apple HomeKit: über KNX/IP-Router und HomeKit-Brücke (Gira X1, Eve Bridge).
- Google Home / Alexa: über IFTTT oder Hub-Software.
- Matter: KNX-Matter-Brücke (in Entwicklung).
- OpenWeatherMap, Tibber API: für Wetter- und Strompreis-Daten.
Planung im Neubau
Phase 1: Pflichtenheft
- Funktions-Wunschliste (Beleuchtungs-Szenen, Rollladen-Automatik, Einzelraum-Heizung).
- Erweiterungs-Optionen (Audio Multiroom, Sicherheit, Energie-Management).
- Visualisierungs-Wunsch (App, Tableau, Tablet).
Phase 2: Werkplanung
- Bus-Schema mit Linien-Topologie.
- Aktor-Verzeichnis mit Stromkreis-Belegung.
- Sensor-Plan mit Position und Typ.
- Verteilerschrank-Layout mit KNX-Komponenten.
Phase 3: Installation
- Bus-Verkabelung im Rohbau zusammen mit Strom.
- Verteilerschrank-Aufbau im HWR.
- Sensoren und Taster nach Verputz.
Phase 4: Inbetriebnahme
- ETS-Programmierung durch Systemintegrator.
- Funktionstest pro Raum.
- Visualisierung konfigurieren.
- Bauherren-Einweisung.
Kosten 2026 im Detail
| Setup | Funktions-Tiefe | Kosten netto |
|---|---|---|
| KNX-Basis | Beleuchtung Schalten, FBH-Einzelraum, Rollladen | 12.000-25.000 € |
| KNX-Komfort | plus Dimmen, Wetterstation, einfache Visualisierung | 20.000-35.000 € |
| KNX-Voll | plus Multiroom-Audio, Sicherheits-Anbindung, Tableau | 30.000-50.000 € |
| KNX-Premium | plus PV-/WP-/Wallbox-Integration, KNX Secure | 50.000-90.000 € |
Kostenzusammenstellung Basis
- KNX-Komponenten (Aktoren, Sensoren, Systemkomponenten): 6.000-13.000 €
- Bus-Verkabelung Material und Lohn: 1.500-3.500 €
- ETS-Programmierung: 2.000-6.500 €
- Visualisierung Basis: 1.000-2.500 €
- Inbetriebnahme und Einweisung: 500-1.500 €
- Gesamt: 11.000-27.000 €
Hersteller-Vergleich 2026
| Hersteller | Stärken | Preisniveau |
|---|---|---|
| Gira | Premium, hervorragende Designs | hoch |
| JUNG | Premium, hochwertige Schalterprogramme | hoch |
| Berker | Mittelklasse, gute Designs | mittel |
| Busch-Jaeger | Mittelklasse, marktbreit | mittel |
| MDT | günstig, hohe Funktionalität | niedrig |
| ABB | Industrie-Qualität, robust | mittel-hoch |
| Theben | Sensoren-Spezialist | mittel |
| Hager | Aktoren mit Verteiler-Integration | mittel |
Häufige Fehler beim KNX
- Bus-Verkabelung im Neubau weggelassen. Nachrüsten wäre 4.000-12.000 Euro.
- System ohne Pflichtenheft gestartet. ETS-Programmierung wird teure Improvisation.
- Zu wenig Spannungsversorgung dimensioniert. 640 mA reicht für 64 Geräte - bei mehr Geräten zweite Spannungsversorgung.
- Linien-Limit ignoriert. Bei mehr als 64 Geräten Linienkoppler zwischenschalten.
- Hersteller-Mix mit unklarer Logik-Kompatibilität. Im Standard-Funktionsbereich kein Problem, bei spezifischen Logikfunktionen Hersteller-spezifisch.
- Keine Visualisierung eingeplant. Bedienung nur per Wand-Taster ist im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäss.
- Programmierung ohne Doku. ETS-Projekt-Datei und Bedienungsanleitung Pflicht.
- Updates nicht eingeplant. Hersteller-Firmware-Updates sollten regelmässig eingespielt werden.
- KNX Secure bei Sicherheits-Funktionen ignoriert. Standard-Bus ist kompromittierbar.
- Bauherren-Einweisung zu kurz. 2-4 Stunden Einweisung mindestens.
Checkliste KNX im Neubau
- Pflichtenheft mit Funktions-Liste erstellt.
- Werkplanung mit Bus-Schema und Aktor-Verzeichnis.
- Bus-Kabel zu jedem Sensor/Aktor.
- Verteilerschrank mit ausreichend Reihen für Aktoren.
- KNX-Spannungsversorgung 640 mA mindestens.
- KNX/IP-Router für Visualisierungs-Anbindung.
- Visualisierung gewählt (Hersteller oder Open Source).
- Wand-Tableau-Position eingeplant.
- ETS-Systemintegrator beauftragt (KNX-Partner).
- KNX-Secure-Entscheidung getroffen.
- PV-/WP-/Wallbox-Schnittstellen vorbereitet.
- Inbetriebnahme-Test mit allen Funktionen dokumentiert.
ETS-Programmierung vertieft
Die ETS (Engineering Tool Software) ist das zentrale Werkzeug für jeden KNX-Systemintegrator. Im April 2026 ist ETS 6.4 die aktuelle Version.
ETS-Versionen und Lizenzen
- ETS 6 Lite: bis 20 Geräte, ca. 200 Euro Lizenz - für sehr kleine Anwendungen.
- ETS 6 Home: bis 64 Geräte, ca. 200 Euro - typisches Wohn-EFH.
- ETS 6 Professional: unlimitiert, ca. 1.250 Euro - für Profi-Systemintegratoren.
- ETS Inside: Cloud-basierte Variante für End-User-Programmierung kleiner Setups.
- ETS Apps: Erweiterungen wie Diagnose, Visualisierung, Simulation.
Programmier-Workflow
- Topologie-Plan: Linien, Bereiche, Geräte-Adressen.
- Geräte importieren: aus Hersteller-Produktdatenbanken.
- Gruppenadressen vergeben: 3-stellig oder 2-stellig (Schwellen-Adresse, Funktion, Endpunkt).
- Verknüpfungen Sensor zu Aktor: Drag-and-Drop in ETS.
- Geräte-Parameter: Dimm-Verhalten, Schwellwerte, Verzögerungen.
- Inbetriebnahme: Programmierung in Geräte laden via USB- oder IP-Schnittstelle.
- Test pro Funktion: Tasten drücken, Aktoren beobachten.
- Doku übergeben: ETS-Projekt-Datei plus Bedienungsanleitung an Bauherr.
Gruppenadress-Schema
Ein gut strukturiertes Gruppenadress-Schema erleichtert spätere Erweiterung. Standard 3-stellig:
- Hauptgruppe (1-31): Funktions-Bereiche - z.B. 0=Beleuchtung, 1=Heizung, 2=Rollladen, 3=Sicherheit.
- Mittelgruppe (1-7): Etage oder Bereich - z.B. 0=Aussen, 1=Keller, 2=EG, 3=OG, 4=Dachgeschoss.
- Untergruppe (1-255): einzelne Funktion - z.B. 0=Schalten, 1=Dimmen, 2=Status.
KNX und PV-Integration
Die Verbindung zwischen KNX und PV-Anlage erfolgt über Modbus-Schnittstelle des Wechselrichters und KNX-Modbus-Gateway oder IP-basierte Anbindung.
Funktionen einer PV-KNX-Integration
- PV-Erzeugung in Echtzeit auf KNX-Display anzeigen.
- Wallbox-Lade-Modus bei PV-Überschuss aktivieren.
- Wärmepumpe (SG-Ready) bei Überschuss in Heiz-Modus schalten.
- Brauchwasser-Speicher bei Überschuss erwärmen.
- Lastmanagement zwischen Wärmepumpe, Wallbox und Haushaltsgeräten.
- Notstrom-Anbindung über Hausspeicher.
Fehlersuche in KNX-Anlagen
- Bus-Spannung messen: 21-30 V DC, sonst Spannungsversorgung defekt.
- Telegramm-Verkehr aufzeichnen: ETS-Diagnose-Funktion.
- Geräte-Programmiermodus prüfen: Reset-Knopf 5 Sek drücken.
- Linien-Last prüfen: max. 64 Geräte, sonst Linien-Koppler.
- Gruppenadress-Konflikte: ein Aktor hört auf mehrere Sensoren.
- Polung Bus-Klemmen: rot = +, schwarz = -.
- Schirm-Erdung: nur einseitig erden (im Verteiler).
Hersteller-Detailvergleich
Gira
Premium-Hersteller mit hervorragenden Designs (ESPRIT, F100, Studio). HomeServer als Visualisierungs-Lösung. Deutsche Premium-Marke.
JUNG
Premium-Hersteller (LS Plus, A Creation, A Plus, A Flow). Smart Visu Server als Visualisierung. Hochwertig im Designer-Wohnen.
Berker
Mittelklasse plus Premium-Linie B.7 Glass. Solides Komponenten-Programm. Teil von Hager-Konzern.
Busch-Jaeger
Marktführer in Mittelklasse mit umfassendem Programm. Future linear, axcent, Reflex SI als Designlinien.
MDT
Günstig-Anbieter mit hoher Funktionalität. Aktoren mit guter Programmierbarkeit. Visu-Lösung VisuPro. Beliebt bei Tech-affinen Bauherren.
ABB
Industrie-Qualität, robust und zuverlässig. KNX-Komponenten gemeinsam mit Verteiler-Programm. International etabliert.
Theben
Sensoren-Spezialist mit Bewegungsmelder-Bereich. Bewegungsmelder, Präsenzmelder, Wetterstation als Stärken.
Hager
Aktoren mit Verteiler-Integration. Smart-Home-Lösung "Domovea" als Visualisierung. Mittelklasse-Premium.
Eltako
Funk-KNX-Hybrid. Eltako-Funk plus KNX-Anbindung. Praktisch bei Renovierung mit Bestand.
Cross-Links
- Smart Home im Neubau
- Loxone
- KNX vs. Loxone
- Elektroinstallation
- Verteilerschrank
- Photovoltaik
- Wallbox
FAQ - KNX
Was ist KNX und warum lohnt es sich im Neubau?
Was ist die ETS-Software?
Was kostet KNX im 140 m² EFH?
Welche Hersteller sind 2026 relevant?
KNX Secure - ist das Pflicht 2026?
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